Arbeit 4.0 lässt die Köpfe rauchen

Die Digitalisierung der Arbeitswelt beschäftigt immer mehr Fach-Disziplinen. Ein Blick in einige Tagungen in jüngster Zeit macht das weite Spektrum und den großen Handlungsbedarf sichtbar.

Arbeitswelten und Berufsprofile haben schon begonnen sich zu wandeln

  • Arbeitgeber, Gewerkschaften, Wissenschaftler und Politik untersuchen intensiv, welche Voraussetzungen die Digitalisierung der Arbeitswelt braucht und welche Folgen sie hat.
  • Sie stellen dabei fest, dass nicht nur die technischen Voraussetzungen einer stärkeren Koordination bedürfen.
  • Vielmehr ist Klarheit gefordert über die Rolle des Menschen in der „Wirtschaft 4.0“, die Gestaltung seiner Arbeit und seiner Arbeitsplätze und das durchdachte Heranführen an einen Wandel, der bereits eingesetzt hat.
  • Letztlich gibt es keinen Bereich der Arbeitswelt, der durch die Digitalisierung nicht grundlegend verändert wird.

„Der sichere Umgang mit Informations- und Kommunikationstechniken ist der zukünftige Schlüssel für den Einstieg in eine nachhaltige Beschäftigungskarriere im Betrieb 4.0.“ Was Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), in seinem Vortrag während der Hannover Messe punktgenau formulierte, war nicht nur auf die Arbeitnehmer gemünzt, sondern auch auf die Arbeitgeber. Denn die müssen sich über Qualifizierung und Weiterbildung darum kümmern, dass in ihrem jeweiligen Haus solche Karrieren auch möglich sind.

Berufsprofile ändern sich schon jetzt

Auf der von Volkswagen und IG Metall veranstalteten Konferenz „Future Tracks – Gute Arbeit in der Fabrik 4.0“ begründete Esser seine Aussage vom Bedeutungszuwachs der IT-Kompetenz als Schlüsselqualifikation in der allgemeinen wie auch der beruflichen Bildung: „Die Digitalisierung der Arbeitswelt wird sich zwar nicht im gleichen Tempo über alle Bereiche der Wirtschaft vollziehen. Es heben sich jedoch bereits jetzt bestimmte Branchen- und Berufsbereiche heraus, bei denen entsprechende Veränderungen der Berufsprofile absehbar sind.“

So könnten die industriellen Elektroberufe beispielhaft dafür angeführt werden, wie sich die Digitalisierung von Prozessen und Produkten bereits heute niederschlägt. Die Rollen von Mechanik, Elektrotechnik, Mechatronik, Automatisierungs- und Betriebstechnik für die Arbeitsteilung und die Aufgabenprofile von Fachkräften veränderten sich im Betrieb 4.0. Aus diesen Entwicklungen ließen sich Szenarien zu Berufsprofilen und Berufsgruppen beschreiben, die Ausgangspunkte für die Diskussion künftiger Neuordnungen sein könnten. „Es wird Berufe geben, die fortbestehen, neben solchen Berufen, die aufgehoben oder zusammengeführt werden. Und sicher wird es im Betrieb 4.0 auch neue Berufe geben“, so Esser.

Reale und virtuelle Arbeitswelt überschneiden sich

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) wiederum hat das Thema „Zukunft der Arbeit“ ebenfalls zu einem Schwerpunkt ausgebaut und die Eckpunkte der künftigen Forschungsförderung mit den Sozialpartnern auf der Tagung „Arbeiten in der digitalisierten Welt“ Ende Mai in Berlin vorgestellt. Das Ministerium sieht sich angesichts der Tatsache gefordert, dass fast 43 Millionen Menschen in Deutschland erwerbstätig sind. Zwei Drittel von ihnen „erleben bereits heute den Wandel der Arbeitswelt durch die Digitalisierung und sehen, wie technischer Fortschritt die Grenzen zwischen virtueller und realer Arbeitswelt zunehmend verschwimmen lässt und Arbeitsplätze verändert“, argumentiert das BMBF.

Ziel der Tagung war es vor diesem Hintergrund, neue Handlungs- und Forschungsthemen zur zukünftigen Ausgestaltung der Arbeitsforschung zu diskutieren. Dabei ging es um Fragen wie beispielsweise: Unterstützt mich der Roboter oder wird er mich eines Tages ersetzen? Wie kann ich sicher und gesund arbeiten in der digitalisierten Welt? Was sind die Arbeits- und Beschäftigungsformen für die Zukunft? Wie gelingt eine Harmonisierung von Arbeit und Privatleben in der digitalisierten Welt? Welche Auswirkungen und Chancen hat die Digitalisierung auf einen mittelständischen Arbeitsplatz? Wie gestaltet sich Mitarbeiterführung bei digitaler Arbeit?

Forscher erkunden Potenzial der Beschäftigten in der digitalen Welt

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka sagte auf der Tagung: „Es ist absolut richtig, dass sich Menschen Gedanken um die Zukunft ihres Arbeitsplatzes machen. Daran knüpfen wir an und bündeln unsere Forschungsaktivitäten, um auch künftig unsere Arbeit selbstbestimmt gestalten zu können.“ Wanka machte dabei deutlich, dass das Thema „Arbeit der Zukunft“ von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung ist. „Ich freue mich daher, dass wir die Arbeitsforschung gemeinsam mit den Sozialpartnern vorantreiben. Digitale Arbeit birgt auch Chancen, die wir kennen und nutzen sollten.“

Beschäftigte sollen sich am Wandel beteiligen

Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reiner Hoffmann, sagte bei der Tagung: „Die Frage, was neue digitale Möglichkeiten für die Arbeit der Menschen bedeuten, muss immer am Anfang von Innovationsprozessen stehen. Wir brauchen ein menschenzentriertes Leitbild für Arbeit und eine Arbeitskultur, die auf Beteiligung der Beschäftigten setzt. Mitbestimmung ist für die erfolgreiche Bewältigung des digitalen Strukturwandels von entscheidender Bedeutung.“ In die gleiche Richtung zielte eine Aussage von Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer: „Wir müssen allen Menschen die Teilhabe an der digitalen Welt ermöglichen. Unser Ziel muss die Gesellschaft 4.0 sein. Bildung ist der beste Weg, dies zu erreichen.“

Wilhelm Bauer, Leiter des Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart sagte auf der Tagung: „Die digitale Transformation verändert die Arbeitswelt, es entstehen neue Formen der Interaktion von Menschen untereinander, mit Datenwelten und der realen Arbeitsumgebung. Arbeit entgrenzt und dynamisiert sich zunehmend: zeitlich, räumlich und strukturell. Arbeitsforschung muss neue Wege einer systemischen Arbeitsgestaltung aufzeigen, sozio-technische Innovationen sind gefragt.“

Forscher sind neuen Formen der Arbeitsgestaltung auf der Spur

Bei der Arbeitsforschung sollen künftig die Bedürfnisse der Menschen im Arbeitsprozess unter Bedingungen des digitalen Wandels noch stärker berücksichtigt werden. Zudem werden Innovationen in Betrieben gefördert, um vor Ort neue Formen der Arbeitsgestaltung erproben zu können. Dabei geht es auch um die Frage, welche sozialen Innovationen durch Digitalisierung nutzbar gemacht werden können.

Zeitgleich zog das Institut für Sozial- und Wirtschaftspolitische Ausbildung e.V. (iswa) bei einem Grundsatzseminar zur „Digitalisierung der Arbeitswelt“ einen weiten Rahmen der betroffenen unternehmerischen Handlungsfelder. Schon jetzt seien einige wichtige Trends erkennbar, wie die Digitalisierung in den nächsten Jahren den Arbeitsalltag weiter verändern werde, hieß es dort: „Raum-, zeit- und personenübergreifendes Arbeiten wird zunehmen.“ Auch wenn Beschäftigte als Team zusammenarbeiteten, würden sie weniger als bislang an einem Ort, „der Firma“, tätig sein. Die klare Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung wird für einen Teil der Belegschaften verschwimmen. Grenzüberschreitende Arbeitsverhältnisse und -beziehungen würden zunehmen.

Mehr Augenmerk auf Datenschutz und Persönlichkeitsrechte gefordert

Auch die Zeitgleichheit der Arbeitsleistung werde abnehmen, so die Experten des iswa. Die Digitalisierung befördert aus Sicht des iswa zudem Spezialisierung und Arbeitsteilung. „Daraus ergeben sich neue Qualifikationserfordernisse. Zudem wird die Bedeutung von Werk- und Dienstverträgen zunehmen. In manchen Branchen werden darüber hinaus neue Arbeitsformen entstehen.“ In der Summe habe das Auswirkungen auf die Volkswirtschaft, die viele andere Entwicklungen der jüngeren Geschichte nachhaltig überträfen, signalisierte Dr. Hans-Peter Klös, Geschäftsführer beim Institut der deutschen Wirtschaft (iw) Köln.

Persönlichkeitsrechte im Fokus

Den sozial-gesellschaftlichen Aspekt der Digitalisierung rückte schließlich die von ver.di veranstaltete Digitalisierungskonferenz unter dem Motto „Arbeit 4.0 Würde, Selbstbestimmung, Solidarität und Gute Arbeit in der digitalen Gesellschaft“ Mitte Juni ins Blickfeld. Zentrale Herausforderungen sind nach Worten von ver.di-Vorsitzendem Frank Bsirske dabei unter anderem der Schutz der Persönlichkeitsrechte, die Förderung neuer Qualifikationen auch mit Hilfe einer geförderten Weiterbildungsteilzeit und die Umverteilung der durch Digitalisierung und Automatisierung ermöglichten Produktivitätssteigerungen. Es gehe darum, neue Beschäftigung zu schaffen und insbesondere gesellschaftlich notwendige und soziale Dienstleistungen auszubauen.

Datenschutz braucht Anpassung

Anlässlich der Konferenz haben ver.di und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales die Gemeinsame Erklärung „Nächste Schritte für Gute Arbeit in der digitalen Gesellschaft“ veröffentlicht. Darin wird unter anderem ein zeitgemäßer Beschäftigtendatenschutz gefordert, da angesichts neuer Analysetechniken und der „Entbetrieblichung“ der Datenverarbeitung durch Cloud-Services neue Gefährdungen der Persönlichkeitsrechte entstünden. Auch müssten die Chancen der Digitalisierung, die Arbeit räumlich und zeitlich flexibler zu gestalten, den Erwerbstätigen und ihren Familien zugutekommen.

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