Während sich die Märkte allmählich stabilisieren und das Produktionsniveau langsam wieder das Niveau von vor der Pandemie erreicht, haben Unternehmen aus aller Welt eine weitere Herausforderung zu bewältigen: den anhaltenden Fachkräftemangel. Studien zeigen, dass bis 2030 weltweit schätzungsweise 85 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. 

Es gibt viele gemeinsame Faktoren, die den Fachkräftemangel in allen Volkswirtschaften verursachen, zusätzlich aber auch besondere Herausforderungen für bestimmte Regionen, Branchen und Berufsgruppen. Hier erfahren Sie mehr über die wichtigsten Ursachen des Fachkräftemangels.

puzzle

Leitfaden: 7 Faktoren, die den weltweiten Fachkräftemangel erklären

Leitfaden herunterladen

Was versteht man unter dem Begriff Fachkräftemangel?

Ein Fachkräftemangel tritt in der Regel dann auf, wenn nicht genügend verfügbare Arbeitskräfte am Arbeitsmarkt teilnehmen, um die vorherrschende Nachfrage zu decken. Zum Beispiel gibt es in den Vereinigten Staaten fast 11 Millionen freie Stellen, aber nur 6,5 Millionen Arbeitskräfte sind im Jahr 2022 als arbeitslos gemeldet.

Diese hohe Zahl an offenen Stellen betrifft nicht nur Betriebe in den Vereinigten Staaten. Anfang 2022 hatten Arbeitgebende in Europa beispielsweise Schwierigkeiten, mehr als 1,2 Millionen offene Stellen zu besetzen, während Unternehmen in Australien darum ringen, fast 400.000 freie Stellen besetzt zu bekommen. Auch in Singapur kamen 2021 auf 100 verfügbare Bewerber:innen 163 offene Stellen.

Was sind die Ursachen des Fachkräftemangels?

Auch wenn die Auswirkungen des derzeitigen Fachkräftemangels je nach Region und Branche unterschiedlich ausfallen, handelt es sich zweifellos um eine der größten Herausforderungen der letzten Jahre. Ein anhaltender Fachkräftemangel könnte globale wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie empfindlich bremsen. Um diese immense Herausforderung zu bewältigen, ist es wichtig, die Ursachen für den massiven Fachkräftemangel herauszufinden.

1. COVID-19

Es wäre unmöglich, den aktuellen Fachkräftemangel zu diskutieren, ohne dabei die Auswirkungen der Pandemie zu berücksichtigen. Bis März 2022 sind laut WHO mehr als 6 Millionen Menschen infolge der Pandemie verstorben, während Millionen andere mit den Langzeitfolgen des Virus zu kämpfen haben.

Frau trägt schützende Gesichtsmaske im Büro für Sicherheit und Schutz während COVID-19
Frau trägt schützende Gesichtsmaske im Büro für Sicherheit und Schutz während COVID-19

Allein dieser Faktor hat zu erheblichen Umwälzungen an Arbeitsplätzen in der ganzen Welt geführt. Aber das ist noch nicht alles. Die Pandemie hat eine Reihe von Herausforderungen für Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen mit sich gebracht:

  • Psychische Gesundheitsfürsorge 

Bereits zu Beginn der Pandemie äußerten Fachleute für psychische Gesundheit Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit der Arbeitnehmer:innen. Heute sieht es so aus, als würden sich diese Warnungen bewahrheiten. Das britische Office of National Statistics berichtet, dass die Hälfte der über 400.000 Arbeitnehmer:innen, die zwischen Februar 2020 und November 2021 aus dem Erwerbsleben ausschieden, dies aufgrund langfristiger psychischer Probleme taten. In den USA ergab eine kürzlich durchgeführte Umfrage, dass zwei Drittel der Millennials, die im Jahr 2021 gekündigten, psychische Probleme als Hauptgrund angaben.

  • Reisebeschränkungen

Wanderarbeitnehmer:innen machen 5 % der weltweiten Erwerbsbevölkerung aus. Länder wie die Vereinigten Staaten, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kanada, Deutschland und das Vereinigte Königreich sind in hohem Maße auf diese Arbeitskräfte angewiesen, um den Produktionsbedarf zu decken. Die Pandemie hat hier für erhebliche Schwierigkeiten gesorgt, da die Länder eine strengere Einwanderungspolitik verfolgt haben, um die Ausbreitung des Virus innerhalb ihrer Grenzen besser kontrollieren zu können. Im Vereinigten Königreich führte die Kombination aus COVID und Brexit zu einem Rückgang in der Einwanderung um 90 % im Jahr 2020. Viele Länder unternehmen nun Schritte, um die Einwanderungsbeschränkungen zu lockern. Aber es könnte Jahre dauern, bis die Einwanderungsraten wieder das Niveau von vor der Pandemie erreichen.

  • Veränderung der Erwartungen der Arbeitnehmer:innen

Während der Pandemie sahen sich viele Arbeitnehmer:innen mit zusätzlichen Belastungen am Arbeitsplatz konfrontiert, z. B. mit plötzlichen Entlassungen und Schließungen sowie mit außergewöhnlichen persönlichen Herausforderungen, wie z. B. Homeschooling der Kinder zu Hause, Pflege alternder Eltern etc., was zu einer Veränderung der Erwartungen der Arbeitnehmer:innen geführt hat. An erster Stelle dieser Erwartungen steht der Wunsch nach einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben. Die Arbeitnehmer:innen von heute wünschen sich mehr Flexibilität durch die Möglichkeit der Fernarbeit, flexible Arbeitszeiten, zusätzliche bezahlte Freizeit und eine größere Flexibilität bei der Gestaltung ihrer eigenen Zeitpläne. 

Zudem würden einige Arbeitnehmer:innen den Arbeitsplatz wechseln, um die gewünschte Flexibilität zu erhalten. Oder sie würden gar ganz aus dem Berufsleben ausscheiden, wenn sie die gewünschte Flexibilität nicht finden können. Eine aktuelle Studie von Monster zeigt, dass 95 % der Arbeitnehmer:innen bereit sind, den Arbeitsplatz zu wechseln, und 92 % sind bereit, notfalls die Branche zu wechseln. 

2. Niedrige Löhne

Während einige Arbeitnehmer:innen ganz aus dem Erwerbsleben ausscheiden, wechselt die Mehrheit den Arbeitsplatz aufgrund besserer Beschäftigungsmöglichkeiten. Einige gehen wegen höherer Gehälter. Laut unserer Randstad Employer Brand Research geben 62 % der Arbeitnehmer:innen weltweit das Gehalt als stärksten Grund für einen Arbeitsplatzwechsel an. 

Der anhaltende Fachkräftemangel hat in den meisten Regionen der Welt einen Markt geschaffen, der von Bewerber:innen bestimmt wird. Viele Arbeitnehmer:innen und Arbeitssuchende fordern höhere Löhne und bessere Leistungen. Diese Lohnerhöhungen sind jedoch weltweit unterschiedlich. So erwarten beispielsweise 100 % der nordamerikanischen Länder für 2022 einen Lohnanstieg, während nur 92 % der lateinamerikanischen Länder, 78 % der Länder im asiatisch-pazifischen Raum und 50 % der Länder im Nahen Osten und in Afrika mit einer Erhöhung der Löhne rechnen.

In einigen Regionen der Welt reichen die Lohnerhöhungen den Arbeitnehmer:innen möglicherweise nicht einmal aus, um die Kosten der inflationsbedingt steigenden Preise zu decken. In den Vereinigten Staaten beispielsweise stiegen die Stundenlöhne im Dezember 2021 um 4,7 %, die Inflation stieg im gleichen Zeitraum jedoch um 7 %. Für Arbeitnehmer:innen in solcherart betroffenen Regionen sind höhere Gehälter nochmals wichtiger.

Ebenso wichtig ist es, sich auf bessere Leistungen als Teil des gesamten Vergütungspakets für Mitarbeiter:innen zu konzentrieren. Dabei sind wettbewerbsfähige Gehälter nicht das Einzige, was Arbeitnehmer:innen wollen. Unseren Untersuchungen zufolge wünschen sie sich auch eine gute Work-Life-Balance (58 %), Arbeitsplatzsicherheit (56 %) und ein angenehmes Arbeitsumfeld (55 %).

puzzle

Leitfaden: 7 Faktoren, die den weltweiten Fachkräftemangel erklären

Leitfaden herunterladen

3. Alternde Bevölkerung

Ein weiterer Faktor, der sich auf den heutigen Fachkräftemangel auswirkt, ist die Alterung der Weltbevölkerung. Seit Jahren machen sich Betriebe Gedanken darüber, wie sie die Rekordzahl der in den Ruhestand gehenden Arbeitnehmer:innen ersetzen können. So erreichen allein in den Vereinigten Staaten täglich 10.000 Menschen die Altersgrenze von 65 Jahren, und es wird erwartet, dass dies bis mindestens 2029 anhält.

Man geht davon aus, dass die Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten älter werden wird. Studien gehen davon aus, dass bis 2030 jeder sechste Mensch auf der Welt 65 Jahre oder älter sein wird, und bis 2050 soll sich diese Zahl nochmals verdoppeln. Hinzu kommt, dass die Geburtenrate in vielen Ländern sinkt. Die Kombination aus einer alternden Bevölkerung und einer sinkenden Geburtenrate bedeutet, dass zukünftig weniger Menschen für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen werden.

Studien zeigen, dass die Erwerbsbevölkerung in China bis 2050 um 20 % und in Japan um 40 % zurückgehen wird. Aber dieses Phänomen ist natürlich nicht nur auf China und Japan beschränkt. Statistiken der Vereinten Nationen und der Weltbank zufolge liegen die Geburtenraten in 75 Ländern bereits deutlich unter der gewünschten Ersatzrate von 2,1 %. Dieses Problem wird die Gesellschaft und Unternehmen noch mindestens die nächsten Jahrzehnte beschäftigen.

blog-labor-shortage-aging-population
blog-labor-shortage-aging-population

4. Mangel an technologischen Fähigkeiten

Laut einer aktuellen Studie geben 87 % der Arbeitgeber:innen weltweit an, dass sie derzeit mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen haben oder in wenigen Jahren damit rechnen. Während der Verlust von Fähigkeiten und Erfahrung durch das Ausscheiden aus dem Berufsleben sicherlich ein Faktor ist, ist die Hauptursache für den Fachkräftemangel die fortschreitende Integration von moderner Technologie, KI und Automatisierung am Arbeitsplatz. Dies trägt zwar zweifellos zur Rationalisierung von Geschäftsprozessen und zur Verbesserung der Effizienz am Arbeitsplatz bei, erfordert aber auch Arbeitskräfte, die über die entsprechenden Fähigkeiten verfügen, um sie zu bedienen.

Dies ist keine neue Herausforderung für die Unternehmen, aber eine, die sich seit der Pandemie verschärft hat. 

Da so viele Unternehmen während der Pandemie mit Produktions- und Lieferkettenproblemen zu kämpfen haben, wird das Thema Automatisierung am Arbeitsplatz immer wichtiger. Durch den verstärkten Einsatz von Technologie am Arbeitsplatz steigt auch der Bedarf der Unternehmen, die richtigen technischen Fähigkeiten zu erwerben.

Welche Branchen sind am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen?

Zwar ist fast jeder Wirtschaftszweig in irgendeiner Weise vom zunehmenden Fachkräftemangel betroffen, doch gibt es einige wenige Sektoren, in denen die Auswirkungen besonders groß sind:

Verarbeitendes Gewerbe

Schon vor der Pandemie sagten Experten einen weltweiten Fachkräftemangel von über 8 Millionen Arbeitskräften in der verarbeitenden Industrie voraus. Heute ist der Fachkräftemangel sogar noch problematischer. In den Vereinigten Staaten könnten bis 2030 über 2 Millionen Stellen in der Produktion unbesetzt bleiben, und die Hersteller im Vereinigten Königreich stehen vor dem größten Fachkräftemangel seit über 30 Jahren.

Mann arbeitet in der Herstellung
Mann arbeitet in der Herstellung

Logistik

Die Logistik ist ein weiterer Sektor, der vor und nach der Pandemie Schwierigkeiten hat, Arbeitskräfte zu finden. Dieser Fachkräftemangel ist nicht auf eine Region der Welt beschränkt. So haben die Betriebe in den USA Schwierigkeiten, 80.000 offene Stellen im LKW-Verkehr zu besetzen, während im Vereinigten Königreich über 100.000 LKW-Fahrer fehlen. Dieser anhaltende Fachkräftemangel wird voraussichtlich gar dazu führen, dass in Mexiko 18 % und in der Türkei 24 % der LKW-Fahrer fehlen.

Lagermitarbeiterin in einem Lagerhaus
Lagermitarbeiterin in einem Lagerhaus

Gesundheitswesen

Die Gesundheitsbranche wurde während der Pandemie hart getroffen. Die unverzichtbaren Arbeitskräfte dieser Branche haben nicht nur ihr Leben und das ihrer Familien riskiert, indem sie jeden Tag zur Arbeit gingen, sondern viele mussten aufgrund des Personalmangels auch Überstunden leisten. Jetzt, da die Auswirkungen von COVID-19 langsam abklingen, erwägen viele dieser Beschäftigten, ihren Beruf zu wechseln.

So denken beispielsweise 57 % der Krankenschwestern in Großbritannien darüber nach, ihren Beruf aufzugeben, während 32 % der in den USA registrierten Krankenpfleger:innen ihre Tätigkeit in der direkten Patientenbetreuung aufgeben wollen. Der International Council of Nurses warnt davor, dass in den nächsten Jahren die Hälfte des derzeitigen Pflegepersonals den Beruf wechseln könnte, was innerhalb weniger als einem Jahrzehnt zu einer globalen Krise führen würde.

Chirurg, der im Operationssaal des Krankenhauses arbeiten
Chirurg, der im Operationssaal des Krankenhauses arbeiten

Welche Auswirkungen hat der Fachkräftemangel?

Der anhaltende Fachkräftemangel kann nicht nur das Unternehmenswachstum behindern, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes beeinträchtigen. So haben beispielsweise Unterbrechungen der Lieferketten bereits zu Produktknappheit geführt. In einigen Gebieten kann der Fachkräftemangel auch zur Schließung von Geschäften und Restaurants oder zu reduzierten Arbeitszeiten geführt haben.

Ein weiteres Problem, das viele Expert:innen genau beobachten, ist die steigende Inflation. Es wird zwar immer noch diskutiert, ob der Fachkräftemangel zur Inflation beiträgt, aber viele glauben, dass der aktuelle Fachkräftemangel zu höheren Löhnen, höheren Preisen und einer langsameren Erholung nach der Pandemie führen wird. Wenn die Inflation nicht eingedämmt wird, könnte sie zu einer ernsten Krise führen, deren Überwindung Jahre oder Jahrzehnte dauern könnte.

Der Fachkräftemangel, genauer gesagt die Qualifikationslücke, kann Unternehmen daran hindern, neue Technologien einzuführen. Eine neue Studie zeigt, dass 64 % der Unternehmen den Fachkräftemangel als größtes Hindernis für die Einführung neuer Technologien nennen, während es im Jahr 2020 nur 4 % waren. Das Problem besteht darin, dass diese Unternehmen neue Technologien nicht einführen können, ohne sich zuvor die erforderlichen technologiebezogenen Fähigkeiten anzueignen.

Leitfaden: 7 Faktoren, die den weltweiten Fachkräftemangel erklären

Der Fachkräftemangel ist eine große Herausforderung, aber wenn Sie die Ursachen verstehen, können Sie Ihrem Unternehmen helfen, ihn zu überwinden. Laden Sie gleich unseren Leitfaden herunter und erfahren Sie mehr über die Ursachen des vorherrschenden Fachkräftemangels.

Leitfaden herunterladen
Über den Autor
Margit Eisschiel
Margit Eisschiel

mag. margit eisschiel

Key Account Director

Margit Eisschiel ist Sales und Key Account Director für Randstad Österreich und verfügt über langjährige Erfahrung in der Personalbranche. Seit 1998 im Unternehmen hat sie zuvor viele Jahre als Niederlassungsleiterin Randstads Geschäft in Salzburg erfolgreich ausgebaut.