Wenn die "alten Hasen" gehen: So verhindern Sie den Wissensverlust in der Werkshalle
Es ist eine einfache Rechnung, die vielen Produktionsleiter:innen in Österreich derzeit Kopfzerbrechen bereitet: Die geburtenstarken Jahrgänge – die sogenannten Babyboomer – nähern sich unaufhaltsam dem Pensionsantritt. Laut Prognosen von Statistik Austria wird sich dieser Trend in den kommenden Jahren massiv verschärfen, besonders in den klassischen Industrie-Bundesländern wie Oberösterreich und der Steiermark.
Für Industriebetriebe bedeutet das nicht nur den quantitativen Verlust von Arbeitskraft. Es droht ein viel gefährlicherer Aderlass: Der Verlust von unbezahlbarem Erfahrungswissen (Tacit Knowledge). Wir sprechen von jenem Wissen, das in keinem Handbuch und keiner ISO-Zertifizierung steht: Der spezielle Handgriff, mit dem die 20 Jahre alte Maschine wieder rundläuft, das Gespür für Materialschwankungen bei Wetterumschwüngen oder das Wissen darüber, welcher Lieferant bei einem Engpass wirklich "zaubern" kann.
Wie Sie dieses "Gold in den Köpfen" sichern, bevor es durch das Werkstor verschwindet, und wie Sie dabei Brücken zur Generation Z bauen, zeigen wir Ihnen mit vier konkreten Methoden aus der Praxis.
1. Das "Meister-Tandem": Strukturierte Übergabe statt kurzes "Servus"
Oft passiert die Übergabe zwischen einer ausscheidenden Fachkraft und der Nachfolge zwischen Tür und Angel in der letzten Arbeitswoche. Das ist fatal. Ein effektives Modell ist das "Meister-Tandem".
Hierbei wird der/die angehende Pensionist:in für die letzten drei bis sechs Monate teilweise von der regulären Produktion freigestellt, um dediziert als Mentor:in für eine:n Nachfolger:in zu fungieren. Wichtig dabei: Es geht nicht um theoretische Einschulung im Besprechungsraum, sondern um das gemeinsame Lösen von Problemen direkt an der Anlage ("Shadowing").
Der lokale Vorteil: Nutzen Sie hierfür auch die Möglichkeiten der österreichischen Altersteilzeit. In Kombination mit einer reduzierten Stundenanzahl kann die körperliche Belastung für die ältere Fachkraft gesenkt werden, während die neue Rolle als Mentor:in das Selbstwertgefühl zum Karriereende hin noch einmal enorm steigert.
2. Die "Low-Tech" Wissensdatenbank für die Hosentasche
Viele Versuche von Wissensmanagement scheitern in der Produktion an zu komplexer Software. Wer den ganzen Tag Sicherheitsschuhe und Handschuhe trägt, will keine langen Berichte in ein kompliziertes Wiki tippen.
Die Lösung ist oft viel einfacher: Ermutigen Sie Ihre erfahrenen Mitarbeiter:innen, kurze Video-Clips von komplexen Rüstvorgängen oder Wartungsarbeiten mit dem Dienst-Smartphone oder einem Tablet zu drehen.
Ein fiktives, aber realistisches Szenario: Ein Werkzeugbaubetrieb im Waldviertel bringt QR-Codes direkt an den Maschinen an. Scannt ein neuer Lehrling oder eine Leiharbeitskraft diesen Code, öffnet sich ein 2-Minuten-Video, in dem der langjährige Vorarbeiter "Hubert" genau erklärt, worauf bei diesem Arbeitsschritt zu achten ist. Das ist authentisch, verständlich und sichert Know-how dauerhaft in einem Format, das auch junge Mitarbeiter:innen gerne konsumieren.
3. Die "Was-wäre-wenn"-Fehlerkartei
Erfahrene Mitarbeiter:innen zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie wissen, wie alles läuft, wenn alles gut geht – sondern dadurch, dass sie wissen, was zu tun ist, wenn es nicht gut geht. Dieses Störungs-Wissen geht am häufigsten verloren.
Führen Sie mit ausscheidenden Mitarbeiter:innen dedizierte "Troubleshooting-Interviews". Erstellen Sie gemeinsam eine einfache "Wenn-Dann"-Liste für die wichtigsten Anlagen:
- "Wenn die Pumpe X rattert, liegt es meistens an Dichtung Y (nicht im Handbuch erwähnt!)."
- "Bei hoher Luftfeuchtigkeit muss die Einstellung Z um 2% reduziert werden."
Diese "Inoffiziellen Betriebsanleitungen" sind oft wertvoller als jede Herstellerdokumentation und können im Intranet oder als Aushang in der Meisterkabine Leben retten, wenn der Experte nicht mehr da ist.
4. Die "Silberfuchs-Sprechstunde" für Lehrlinge
Der Generationenkonflikt in der Produktion ist oft ein Kommunikationsproblem. Die Jungen fühlen sich bevormundet, die Älteren nicht respektiert. Brechen Sie dieses Schweigen durch institutionalisierte Formate.
Richten Sie eine regelmäßige "Sprechstunde" oder einen "Knowledge-Lunch" ein, in der erfahrene Kolleg:innen (die "Silberfüchse") exklusiv für die Fragen der Lehrlinge und Jung-Facharbeiter:innen zur Verfügung stehen – vielleicht bei einer gemeinsamen Jause, gesponsert vom Betrieb.
Dies stärkt nicht nur den Wissenstransfer, sondern zahlt auch massiv auf die Qualität Ihrer Lehrlingsausbildung ein. In Österreichs dualem System ist der direkte Kontakt zum erfahrenen Ausbilder Gold wert. Wenn junge Talente merken, dass sie von den Besten lernen können, steigert das die Bindung an das Unternehmen und erhöht die Chance, dass sie nach der LAP (Lehrabschlussprüfung) im Betrieb bleiben.
Fazit: Handeln Sie, bevor die Torte angeschnitten wird
Wenn die Abschiedstorte angeschnitten wird und die Uhr überreicht wird, ist es für den Wissenstransfer zu spät. Beginnen Sie heute damit, das Know-how Ihrer wichtigsten Leistungsträger:innen zu identifizieren und zu sichern. Es ist das Betriebskapital, das Ihre Produktion auch morgen noch am Laufen hält.