Gesund in die Pension und darüber hinaus: Warum sich der Fokus auf Ü55-Mitarbeiter:innen doppelt lohnt
In der öffentlichen Diskussion um den Fachkräfemangel liegt der Fokus oft fast ausschließlich auf der Generation Z. "Wie gewinnen wir die Jungen?", lautet die Standardfrage in vielen HR-Abteilungen und Produktionsleitungen. Dabei wird eine ebenso wichtige Gruppe oft übersehen: Die erfahrenen Fachkräfte über 50, die das Rückgrat der österreichischen Produktion bilden.
Körperlich anstrengende Arbeit im Schichtbetrieb hinterlässt über Jahrzehnte Spuren. Wer seine besten Leute bis zum regulären Pensionsantritt – und vielleicht sogar darüber hinaus – gesund, arbeitsfähig und motiviert im Betrieb halten will, muss jetzt umdenken. Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) ist in der Industrie kein "Nice-to-have", sondern eine harte wirtschaftliche Notwendigkeit, um Produktionsausfälle zu vermeiden.
Ergonomie als Kündigungsschutz
Rückenschmerzen und Gelenksprobleme sind in der Produktion und Logistik nach wie vor die häufigsten Ursachen für lange Krankenstände. Investitionen in ergonomische Arbeitsplätze rechnen sich daher oft schon im ersten Jahr.
Das kann der Einsatz von technischen Hebehilfen, Vakuumhebern oder Exoskeletten sein, aber auch scheinbar kleine Maßnahmen wie spezielle Anti-Ermüdungsmatten an Steharbeitsplätzen oder bessere Beleuchtung. Nutzen Sie hierfür unbedingt das Beratungsangebot der AUVA (Allgemeine Unfallversicherungsanstalt) oder der WKO. In Österreich gibt es zahlreiche Förderungen und kostenlose Evaluierungen für Betriebe, die ihre Arbeitsplätze altersgerecht gestalten wollen. Wenn Mitarbeiter:innen spüren, dass dem Unternehmen ihre Gesundheit am Herzen liegt, steigt die Loyalität messbar.
Führung auf Augenhöhe: Erfahrung statt Tempo
Ein oft unterschätzter Faktor ist der Führungsstil. Ein 58-jähriger Maschinenführer lässt sich nicht mehr führen wie ein 20-jähriger Berufseinsteiger. Ältere Mitarbeiter:innen reagieren oft sensibel auf reinen Druck oder Micromanagement.
Schulen Sie Ihre Schichtleiter:innen darin, den Fokus bei älteren Semestern von "Geschwindigkeit" auf "Qualität und Erfahrung" zu verlegen. Binden Sie diese Kolleg:innen aktiv in Entscheidungen ein: "Du kennst die Anlage am besten, wie würdest du diesen Umbau angehen?" Dies zollt Respekt und verhindert die "Innere Kündigung". Ein wertschätzender Umgangston ist oft der entscheidende Grund, warum sich jemand entscheidet, nicht die frühestmögliche Pension (Hacklerregelung o.ä.) anzustreben, sondern länger zu bleiben.
Das Modell Altersteilzeit intelligent nutzen
Österreich bietet mit der geförderten Altersteilzeit ein Instrument, das für beide Seiten Vorteile bringt – wenn es strategisch eingesetzt wird.
Statt Mitarbeiter:innen abrupt von 100 auf 0 aus dem Arbeitsprozess zu verabschieden, ermöglicht eine schrittweise Reduzierung der Arbeitszeit einen sanften Übergang. Für Sie als Arbeitgeber bedeutet das: Sie behalten die wertvolle Expertise im Haus, senken aber die körperliche Belastung für den/die Mitarbeiter:in massiv. Ein Tipp aus der Praxis: Nutzen Sie das Blockzeitmodell oder die kontinuierliche Reduzierung so, dass die freiwerdenden Stunden gezielt für die Einschulung neuer Kolleg:innen (siehe unser letzter Beitrag zum Wissensmanagement) genutzt werden.
Benefits, die wirklich zählen
Vergessen Sie den Obstkorb oder das hippe Teamevent im Klettergarten, wenn es um die Generation 50+ geht. Um diese Zielgruppe zu binden, brauchen Sie lebensphasenorientierte Benefits. In vielen österreichischen Kollektivverträgen sind bereits Zusatzurlaubstage für längere Betriebszugehörigkeit verankert – gehen Sie hier proaktiv noch einen Schritt weiter.
- Gesundheits-Gutscheine: Kooperationen mit lokalen Thermen oder Massageinstituten kommen oft besser an als Fitnessstudio-Mitgliedschaften.
- Vorsorge-Checks: Bieten Sie bezahlte Freistellungen für umfassende Gesundenuntersuchungen an.
- Sabbaticals im Kleinen: Ermöglichen Sie unbezahlten Urlaub für Großeltern-Pflichten oder die Pflege von Angehörigen, ohne dass der Arbeitsplatz gefährdet ist.
Die Investition in die Gesundheit und Motivation Ihrer älteren Belegschaft ist eine Investition in die Stabilität Ihres Unternehmens. Eine gesunde Mischung aus Jung und Alt, unterstützt durch faire Arbeitsbedingungen, macht Ihren Betrieb krisenfest gegen den demografischen Wandel.